Fachbereich Latein

Der Wandel der Lateinlehrbücher in den letzten 20 Jahren

Haben Sie Latein gelernt bzw. lernen müssen? Erinnern Sie sich noch an Ihr altes Lateinbuch? An das „Lateinische Unterrichtswerk“ oder die „Ianua nova“?

Die Lesetexte waren fast ausschließlich dem Grammatikstoff verpflichtet, und insbesondere in den ersten Lektionen war der Inhalt meist zweitrangig:

Puella cantat. Puellae cantant. Servus laborat. Servi laborant.
Das Mädchen singt. Die Mädchen singen. Der Sklave arbeitet. Die Sklaven arbeiten.

Das Thema und die handelnden Figuren wechselten von einer Lektion zur nächsten und sprangen auch zeitlich ohne erkennbaren Zusammenhang hin und her. Inhaltlich ging es um die wichtigsten Tugenden der Römer wie die Vorvätersitte (mores maiorum), Mannhaftigkeit (virtus) und die Ehre (honos) , die Ideologie war staatstragend und jeder Krieg der Römer war natürlich ein bellum iustum, ein gerechter Krieg. Die Texte beschäftigten sich ausschließlich mit geschichtlichen, philosophischen und mythologischen Themen.

Und dann folgte in jeder Lektion dieser endlos lange schwarz-weiße Übungsteil mit Aufgaben zur Formbestimmung (2. Pers. Plural Futur II Passiv) und Formenbildung.

Abbildungen gab es in durchaus guter (Schwarz-Weiß-)Qualität, allerdings fast ausschließlich von Münzen, Vasen, Statuen und Ruinen, was mit der Alltagswirklichkeit eines Dreizehnjährigen nicht allzu viel zu tun hatte.

Die Notwendigkeit, sich dem Wettbewerb mit lebenden Fremdsprachen stellen zu müssen, brachte die Verlage und Autoren in den 90er Jahren auf die glorreiche Idee, das, was sich bei Konkurrenz bewährt hatte, einfach zu übernehmen.

Und nach dem Goethe-Wort „Greift nur hinein ins volle Menschenleben! […] Und wo ihr's packt, da ist's interessant.“ Sahen die Lateinbücher nun auf einmal ganz anders aus:

Statt der endlosen Bleiwüsten fand nun die bunte Vielfalt des (antiken) Lebens ihren Niederschlag, sowohl optisch als auch inhaltlich. Neben Politik und Mythologie geht es nun auch um das Alltags- leben der Menschen damals und damit um Themen wie Ballspiele, Sportwetten, Küche und Klo. Ruinen haben weiterhin ihren Platz im Lateinbuch, werden nun aber ergänzt um viele anschauliche Rekonstruktionen.

Die Lesetexte haben nicht mehr nur die Funktion, neuen Grammatikstoff einzuführen, sondern sie haben ihren Eigenwert, inhaltlich, formal und mit dem Anspruch, die Schüler zu motivieren. Das gelingt zwar nicht immer, aber es zeigt deutlich, dass die Interessen der Kinder und Jugendlichen einen ganz neuen Stellenwert bekommen haben. So versuchen viele neue Lateinbücher, einen Spannungsbogen über mehrere Kapitel zu schlagen, indem sie z.B. eine kleine Gruppe römischer Jugendlicher aufregende Abenteuer erleben lassen. Neben all den Geschichten über Gladiatorenkämpfe und kaiserlichen Pomp, die heute noch viele Menschen faszinieren, wird in den neueren Lehrwerken durchaus auch ein kritischer Blick auf die Schattenseiten der Antike (Sklaverei, Imperialismus) geworfen.

Grammatikübungen gibt es immer noch, manchmal sogar weniger, als dem Lateinlehrer lieb sind, aber dafür sind sie bunter, abwechslungsreicher und spielerischer. Wie bei den modernen Fremdsprachen findet man hier Comics, Karikaturen, Silben- und Kreuzworträtsel.

Wir Lateinlehrer des Gymnasiums zu St. Katharinen haben alle solche Lehrbücher noch nicht gehabt, sondern in der Schule mit den „Bleiwüsten“ gelernt und auch im Studium wenig über das „echte“ Leben in der Antike erfahren. Wir haben uns für dieses Fach entschieden, weil uns die lateinische Sprache als solche fasziniert hat. Diese rein intrinsische Motivation kann und darf man bei Schülern nicht voraussetzen. Ein modernes Lehrbuch ist natürlich kein Zweck an sich, aber ein hervorragendes Hilfsmittel, Kinder und Jugendliche im und für das Fach Latein zu motivieren. Die Voraussetzungen sind da, um den schönsten Lateinunterricht aller Zeiten zu haben…