Evangelischer Religionsunterricht zwischen Tradition und gesellschaftlichem Wandel

Religionsunterricht wird nach Art.7(3) GG „als ordentliches Lehrfach“ und „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ erteilt.  Soweit die Rechtslage, die den Religionsunterricht als einziges schulisches Lehrfach unter den Schutz des Grundgesetzes stellt,  der religiösen Erziehung in der Schule einen Verfassungsrang einräumt und den Staat zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet. Ob diese weltanschauliche Neutralität als pädagogisches Prinzip aber sinnvoll und praktikabel ist, taucht als Frage spätestens dann auf, wenn man bedenkt, dass eine wertorientierte Erziehung immer einen Standpunkt voraussetzt, egal ob er religiös, atheistisch oder agnostisch begründet ist. Deshalb kann weder der Religionsunterricht noch das Ersatzfach Ethik weltanschaulich neutral sein, denn Werte fallen nicht vom Himmel. Sie sind immer nur so glaubhaft wie die Personen, die sie vertreten. Das gilt für Lehrer und Eltern gleichermaßen.

Wie kann ein zeitgemäßer Religionsunterricht also begründet werden und was ist das spezifisch Evangelische daran? Wer den Religionsunterricht auf die Wertevermittlung beschränkt, ignoriert den Beitrag, den andere Fächer dazu leisten. Auch der Biologieunterricht vermittelt Werte, wenn er hinter dem Wissen um die Vielfalt des Lebens zum Staunen über die Schönheit dieser Welt erzieht;  im Sportunterricht steht soziales Verhalten ständig auf dem Lehrplan.

Ein zeitgemäßer Religionsunterricht zielt heute auf religiöse Deutungs- und Handlungskompetenz. Er setzt voraus, dass Religion als Urbedürfnis  am Anfang der menschlichen Kulturbildung steht und sich bis heute in vielfältigen Formen manifestiert. Der Mensch ist von Natur aus religiös, er fragt nach sich selbst und über sich selbst hinaus, er lebt, sucht, leidet und hofft und ist das einzige Wesen, das seine Existenz symbolisch kommuniziert. Daran haben auch naturwissenschaftliche Weltsicht und digitale Kommunikation grundsätzlich nichts geändert. Wer sein Leben gestalten will, muss lernen, sich zu in der Welt mit ihren Verheißungen und Irrwegen zu orientieren – dazu will der Religionsunterricht  seinen Beitrag leisten.

Evangelisch ist daran die Trias aus Gewissheit, Bindung und Freiheit: Gewissheit der unbedingten Annahme des Einzelnen durch Gott, Bindung an die Bibel als Fundament christlicher Identität, Freiheit zu kritischer Zeitgenossenschaft – eben „protestantisch“ im besten Sinne.

Im Unterricht geht es dabei immer um Reflexion und Deutung; der Glaube ist Gegenstand, wo er in seiner wirkungsgeschichtlichen Gestalt das Handeln und das Selbstverständnis bestimmt hat, aber der Unterricht selbst will und darf nicht missionieren. Evangelischer Religionsunterricht setzt den Glauben seiner Teilnehmer weder voraus noch zielt er darauf ab, er ist offen für Fromme, Zweifelnde und Atheisten. Entscheidend ist alleine die Bereitschaft zum  Diskurs – und das gilt für alle anderen Schulfächer auch.

Die Welt ist unübersichtlich geworden, soziale Strukturen und Milieus lösen sich auf. Das Leben ist zur Baustelle geworden, auf der private und berufliche Biographien dauerhaft provisorisch bleiben können.  Wie das Leben gelingt, kann heute keiner mehr sagen, nicht einmal die, die es einst wussten. Hier will der Evangelische Religionsunterricht seinen Beitrag zur Selbstvergewisserung und Orientierung leisten.