Grenzen überwinden - 15 Jahre deutsch-polnischer Austausch

Grenzen überwinden

Tränen am Flughafen in Krakau, hastig noch ein paar Fotos, eine letzte herzliche Umarmung. Dann steigen sie ein in die Maschine zurück nach Deutschland. Die Jugendlichen aus Oppenheim nehmen Abschied von ihren polnischen Austauschpartnern, bei und mit denen sie die letzten acht Tage verbracht haben – eine Zeit, an die sie sich noch lange erinnern werden, in der sich Erlebnisse, Erfahrungen und Bilder in ihr Gedächtnis eingebrannt haben.


Bis zu 25 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums zu St. Katharinen Oppenheim nehmen jedes Jahr am deutsch-polnischen Schüleraustausch teil. Bereits seit 1996 organisieren engagierte Lehrer des Oppenheimer Gymnasiums zusammen mit ihren Kollegen aus Krakau die Reisen und stellen attraktive Programme für die Schülergruppen zusammen. Ursprünglich von Peter Grosz ins Leben gerufen, sind es zur Zeit Frank Kottsieper und Gerhard Thiel, die, sich jährlich abwechselnd,
den Austausch planen und durchführen. Ziele des Austauschs sind, die Beziehungen zum Nachbarland Polen zu intensivieren, Vorurteile abzubauen, Grenzen zu überwinden und die deutsch-polnische Freundschaft zu leben. Und wer könnte dies besser als junge Menschen, die unbekümmert und unbelastet aufeinander zugehen?


Zunächst, meist im Mai, sind die polnischen Schüler zu Gast bei uns, leben in den Familien der deutschen Partner und lernen Oppenheim, die Region und damit die hiesige Lebensart kennen. Damit aber die Austauschpartner überhaupt zueinander finden und sich schnell kennen lernen können, verbringen die beiden Gruppen die ersten eineinhalb Tage gemeinsam in einer Jugendherberge. Genug Zeit und Gelegenheit bei unterhaltsamen Kennenlernspielen und einem Grillabend nach einem sympathischen Partner Ausschau zu halten. Meist klappt dies auch ohne Probleme. Oft wissen die Jugendlichen schon nach einer Stunde, mit wem sie am besten können. Kommuniziert wird fast immer in Englisch, was alle mehr oder weniger gut beherrschen. Verständigungsprobleme gibt es, der Körpersprache sei Dank, nur selten.


Neben Stadtbesichtigungen in Oppenheim, Mainz und Frankfurt ist die Exkursion ins Mittelrheintal ein Highlight im Programm. Die Burg Rheinfels, der Loreleyfelsen, die Schifffahrt auf dem Rhein und die imposante Landschaft beeindrucken nicht nur die polnischen Gäste. Das Wichtigste aber ist das Zusammenleben in der Familie und die gemeinsamen privaten Unternehmungen der Jugendlichen. Man trifft sich auf Partys, auf Volksfesten, bei Sportveranstaltungen, in Kneipen oder in der Disco. Genau dort findet Verständigung unbeschwert statt. Die Schüler erkennen schnell, dass der andere, wie man selbst, auch nur ein Jugendlicher mit ganz ähnlichen Interessen, Wünschen und Problemen ist.


Ein paar Monate später im Herbst, der Gegenbesuch in Polen. Die 16- bis 17-jährigen Jugendlichen der elften Klasse haben nun Gelegenheit, die polnische Kultur und Lebensweise hautnah zu erleben. Nun sind die deutschen Schüler Gast in einer polnischen Familie. Ein bisschen Bammel haben dann doch einige. Ein unbekanntes Land, eine andere Sprache, eine fremde Familie. Ein Unbehagen, das zwar verständlich, aber unbegründet ist. Noch nie gab es unlösbare Probleme. Die Gastfamilienmachen es den Jugendlichen leicht, sich einzugewöhnen.


Denn schon bald lernen die Oppenheimer Schüler die sprichwörtliche polnische Gastfreundschaft kennen. Die Gastgeber scheinen ihren Anvertrauten jeden Wunsch abzulesen und versorgen sie zudem mit deftigen Lunchpaketen für die täglichen Exkursionen und gemeinsamen Unternehmungen. Zunächst gilt es die Stadt zu erkunden. Krakau ist eine Metropole von über 750.000 Einwohnern und wohl Polens heimliche Hauptstadt. Die Altstadt ist berühmt wegen ihrer prachtvollen Bürgerhäuser aus vergangenen Jahrhunderten, die zum Großteil liebevoll und aufwändig restauriert sind. Die Schüler können die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt bewundern: das Königsschloss Wawel, die Marienkirche, die Jagiellonen-Universität und die berühmten Tuchhallen, die „Sukienice“, ein Renaissance-Gebäude auf der Mitte des großen Markplatzes, in dem heute die Händler traditionelles und folkloristisches Kunsthandwerk verkaufen. Es ist fast wie in Italien. Auch hier gibt es Touristen und jede Menge Tauben. Nicht nur deshalb nennt man Krakau auch das Florenz des Ostens. Zahllose Restaurants, Kaffees, Klubs und Kneipen umsäumen den großen Platz. Das Denkmal dort, so lernen die Schüler, ist ein beliebter Treffpunkt und zeigt den berühmten polnischen Schriftsteller Adam Mickiewicz, zu dessen Füßen sich heute gerne Paare zu ihrem ersten Date verabreden. „Total romantisch“ finden es einige der deutschen Mädchen, dass es in Krakau auch heute noch  selbstverständlich ist, dass der Verehrer dort seine Angebetete mit einer Blume in der Hand begrüßt.


Über 180 Kirchen in Krakau – keine Frage, die Krakauer sind sehr katholisch und besonders stolz auf „ihren“ Papst, der hier in ihrer Stadt als Bischof wirkte, bevor er nach Rom berufen wurde. Heute wird Papst Johannes Paul II. fast wie ein Heiliger verehrt. Zahllose Statuen, Bilder und Plakate, die den Pontifex zeigen, entdecken die Schüler auf ihrem Rundgang. Beeindruckend auch das alte jüdische Stadtviertel Kazimierz mit seinen Synagogen, Geschäften und jüdischen Restaurants. Hier begeben sich die Schüler auf die Spuren von Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Der amerikanische Regisseur drehte eine Menge Szenen in diesen Straßen, die bis heute fast unverändert geblieben sind. Vor der Reise schauen sich die Oppenheimer Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern den Spielfilm an, um sich so auf den Besuch in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau vorzubereiten. Der Gang durch die Gebäude,  Baracken und Ausstellungsräume des Vernichtungslagers beeindruckt die Jugendlichen tief. „Jetzt erst habe ich eine Vorstellung davon, was hier geschehen ist“, meinen einige danach sichtlich ergriffen. „Erschreckend“, resümierte einer später,
„aber dennoch war es wichtig hier zu sein.“ Hier bekommen abstrakte Zahlen und Fakten für die Schüler endlich Namen und Gesichter, hier wird Geschichte fühlbar, ein
Eindruck, den die Heranwachsenden niemals vergessen werden.


Unvergesslich aber auch die imposanten Berglandschaften der Hohen Tatra. Über steinige und steile Wege wandern die Schüler gemeinsam durch das wildromantische Gebirge. Picknick auf einer Schafweide mit grandiosem Ausblick, ein Panorama, das kein Fernseher der Welt überbieten kann. Shopping in Zakopane, eine abenteuerliche Tour im Salzbergwerk, 300 Meter unter der Erde – neben den kulturellen und historischen Programmpunkten sind eindrucksvolle Erlebnisse, Freude und Spaß wesentlicher Bestandteil des Schüleraustauschs. Die jungen Menschen sollen die Zeit unbeschwert gemeinsam verbringen können, damit eine echte Verständigung entstehen kann. Klar, dass dieser Teil des Programms gerne und intensiv wahrgenommen wurde. Abends trifft man sich in der Altstadt und zieht vergnügt durch die Bars und Kneipen, Party ist angesagt. Sprachprobleme lösen sich schon bald in Luft auf, Freundschaften entstehen.


„Auch eine Möglichkeit, die polnische Kultur zu ergründen und das ganz im Sinne der Völkerverständigung“ meinen einige Schlauberger und sie haben natürlich recht. Noch lange werden sich die Schüler an diese intensive Zeit in Krakau erinnern. Einige halten den Kontakt zu ihren neuen Freunden via E-mail oder Facebook, manche besuchen sich sogar, planen ihre Ferien in Polen zu verbringen. Die Reise, der Austausch, scheint sich zu lohnen.

Text: Gerhard Thiel