Anonyme Alkoholiker besuchen die 8. Klassen

Besuch der AA im Schuljahr 2012/2013

Das Gymnasium zu St. Katharinen in Oppenheim organisiert regelmäßig Schulveranstaltungen mit Vertretern der "Anonymen Alkoholiker" und Schülern der 8. Jahrgangsstufe.

Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 20. Juni 2013, in der Bibliothek statt und dauert zwei Schulstunden.


"Ich hätte gedacht, ich könnte jederzeit damit aufhören"

Als Christa bei ihrer 16-jährigen Tochter die Sucht erkannte, gab sie alles dafür, dass es ihrem Kind wieder gut geht. Zwangstherapien und Krankenhausaufenthalte schienen ein Ausweg zu sein. Christa kümmerte sich liebevoll um alles. Doch sobald ihre Tochter die Klinik verließ, wurde sie rückfällig. Im alkoholisierten Zustand kam es zu einem tragischen Unfall. Sie wurde tot in der Badewanne aufgefunden - ertrunken.

Gerd erzählt, dass er am Ende fast alle 5 Minuten vor der Schnapsflasche stand und trank. Heute schafft er es durch die Hilfe einer der gesellschaftlich bedeutendsten Selbsthilfegruppen trocken zu bleiben.

Alfred hatte mit 12 Jahren seine ersten großen Besäufnisse. Dies steigerte sich bis zur Drogenabhängigkeit. Alfred konnte in der Woche auch ohne Alkohol auskommen, trank bei bestimmten Gelegenheiten aber bis zur Besinnungslosigkeit. Heute kann er rückblickend unverblümt über diese Zeit sprechen."Ich selbst", erzählt er, "sehe jetzt, dass meine Hemmschwelle durch den Alkoholkonsum herabgesetzt wurde, bis hin zu mehreren Suizidversuchen, alle im Rausch." Er empfindet es "als ein riesiges Geschenk Gottes, wieder trocken zu sein."

Er gehört zu den "Glücksfällen", da von allen Erkrankten auf Dauer nur zwei Prozent stabil "trocken" werden und bleiben. Hilfsangebote kommen von den "Anonymen Alkoholikern" (AA) für Betroffene, "Al-Anon" ist da für die Angehörigen und Freunde der Betroffenen, "Alateen" für Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen zu viel Alkohol getrunken wird. 

"Alkoholiker gibt es in allen Gesellschaftskategorien, vom Börsenmakler, über den Chirurgen bis hin zum Obdachlosen" teilt Gerd mit, der mit Hilfe der AA seit zehn Jahren keinen Alkohol mehr trinkt. Alkoholismus ist meistens eine Familienkrankheit, d.h. die ganze Familie ist in Mitleidenschaft gezogen. 

Entstanden sind die AA als Organisation in den USA 1935 unter dem Namen "Alcoholics Anonymous". Gründer waren zwei Alkoholkranke, die sich durch gegenseitige Unterstützung aus der Sucht halfen. Seitdem ist die Teilnehmerzahl stetig gewachsen und die AA sind in 150 Ländern der Welt vertreten. Alleine in Deutschland sind es rund 2.700 Gruppen. Ziel ist es, mit offenen Gesprächen und gegenseitiger Hilfe mit seiner Sucht umgehen zu lernen, das heißt auf Alkohol gänzlich zu verzichten.

Die Referenten stellen sich selbst als "Alkoholiker" vor, was die Schüler zunächst verwirrt. Die Erklärung: Obwohl sie alle nicht mehr trinken, sehen sie sich von einer Krankheit betroffen, die nicht zu heilen, aber zu stoppen ist. Als Abstinenzbewegung ist die Organisation der AA allerdings nicht aufzufassen.

Die große Bedeutung dieser Selbsthilfegruppe erkennt man an der hohen Zahl von Menschen in Deutschland, die ein Alkoholproblem haben. Nach offizieller Statistik sind dies 4 Mio. alkoholgefährdet und rund 2,5 Mio. alkoholabhängige Menschen . Das wäre etwa jeder 13. Bundesbürger. Es handelt sich hier also offensichtlich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Zu den Folgen zählen nicht nur gesundheitliche und persönliche Probleme, die zum völligen Ruin führen können, sondern auch unzählige (Verkehrs-)Unfälle, Brände und Gewalttaten.

Alfred war ein so genannter "Quartalsäufer": Er konnte in der Woche zwar ohne Alkohol auskommen, doch wurde das Wochenende mit Alkohol-Exzessen von Donnerstag bis Montag ausgedehnt. Im Gegensatz dazu steht der "Spiegelsäufer", in dem sich Gerd wiedererkennt, der so viel Alkohol trinkt, bis er einen bestimmten Alkoholspiegel im Blut erreicht hat. Durch die Gewöhnung an den Alkohol kommt es im Laufe der Zeit zu einer permanenten Erhöhung dieses nötigen Levels.

Erst als Christa bei "Al-Anon" Hilfe suchte, wurde ihr schnell klar, dass sie ihre Tochter loslassen muss und ihr die Arbeit nicht abnehmen darf. "Es ist Teil der Krankheit, seine Abhängigkeit nicht zu erkennen. Man hat eine eingeschränkte Sichtweise, in der alle anderen, die einem die Krankheit klarmachen wollen, die Schuldigen sind, vor allem die Polizei", erzählt Alfred. Als er erkannte, dass das Ende der Spirale "das Krankenhaus, die Psychiatrie oder der Friedhof ist", konnte er seinem Schicksal eine Wende geben.

Erst als Gerd sich seine Krankheit und Hilflosigkeit selbst eingestand, die Grundvoraussetzung zur Veränderung, nahm er Kontakt zur Selbsthilfegruppe auf. "Auch wenn man dann kein Geld oder kein Zuhause hat. Man findet den Weg zu den Anonymen Alkoholikern, wenn man es nur wirklich will!" Die Gruppe gab ihm die Kraft nicht mehr zu trinken, selbst bei einem Ausflug, zu dem eine Weinprobe gehörte. Er bringt es auf den Punkt: "Ohne Alkohol hat mein Leben eine höhere Qualität."

Aber wie kann die Selbsthilfegruppe ihr Ziel erreichen? Die drei Referenten erklären den Ablauf ihrer Meetings. Zu Beginn jedes Treffens wird die Präambel vorgelesen. Dort heißt es unter anderem: "Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören." Es gibt die 12 Versprechen, in denen es beispielsweise heißt: "Wir werden eine neue Freiheit und ein neues Glück kennen lernen".

Die Schüler hörten den Ausführungen der Referenten gebannt zu und waren offensichtlich von den tragischen Schicksalen sehr betroffen. Trotz anfänglicher Stille wurde die Chance genutzt, Fragen zu stellen. Besonders besorgte Schüler fragten während des Vortrages, ob man "abhängig ist oder werden kann, wenn man mit 14 Jahren an besonderen Anlässen Alkohol trinkt". Die Referenten verwiesen auf einen Fragebogen, der zur Verfügung gestellt wurde und auch im Internet abrufbar ist. Wer die Fragen für sich ehrlich beantwortet, sieht bei der Auswertung, ob er bereits ein Alkoholproblem hat. Eine Frage lautet beispielsweise: "Trinkst du, weil du Probleme hast oder um Stress-Situationen begegnen zu können?"

Um allen Schülern der 8. Klassen die Teilnahme an diesem Gespräch zu ermöglichen, waren die Referenten für insgesamt fünf Durchgänge anderthalb Vormittage in der Schule. Der Organisator dieser Veranstaltung, der katholische Religionslehrer R. Hörl, der diese auch ins Leben gerufen hat, formuliert ein Resümee: "Als Lehrer können wir keine sichtbaren Erfolge messen, und der Sinn unserer Arbeit ist von diesem nicht abhängig. Aber durch die originale Begegnung können wir bei den Schülern viel mehr erreichen als durch eine bloße theoretische Abhandlung des Themas 'Sucht'."

Deutschlandweite Telefonnummer: 19-29-5
Mobil: 0175/ 339-56-17 (18-20 Uhr)
Internet: www.anonyme-alkoholiker.de
Email: aa-kontakt(at)anonyme-alkoholiker.de

 

Text: Constantin Müller(ehemaliger Schüler)

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Schüler der 8. Klasse beim Vortrag der Anonymen Alkoholiker
Gespanntes Zuhören